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Koniks Geltinger Birk

Pferde in naturnaher Haltung: Gut für die Artenvielfalt und für die Gesunderhaltung der Tiere

Für’s Auge schön und bei Artenschützern hoch im Kurs: karge Weiden mit unzähligen Kräutern und Wildblumen und einer Vielfalt nährstoffarmer Grasarten. In der Pferdehaltung gelten solche Naturparadiese nur als mäßig attraktive Weidegründe, zumal scheinbar ein Dorado für hochgiftige Pflanzen wie das Jakobsgreiskraut. Dass Interessen der Artenschützer und der Pferdehalter dennoch gut zusammengehen können, zeigen die Erfahrungen mit den Wildpferd-ähnlichen Koniks in den Landschaftspflegeprojekten „Geltinger Birk“ an der Ostseeküste Angelns und „Schäferhaus“ bei Flensburg.

Knapp 20 Koniks grasen im Nordteil des insgesamt rund 400 Hektar großen Naturerlebnisraums Schäferhaus und rund 60 der halbwilden Pferde im 500 Hektar großen Naturschutzgebiet Geltinger Birk. Vor gut zehn Jahren hatte die Stiftung Naturschutz das zuvor seit Jahrhunderten militärisch genutzte Gebiet an der dänischen Grenze erworben, einige Jahre zuvor schon die der Ostsee für intensive Landwirtschaft abgetrotzte Birk, und in beiden Arealen die Landschaftspflegeprojekte gestartet. Die zur Verfügung gestellte Fläche, die sich die grauen kleinen Pferde mit dem dunklen Aalstrich auf dem Rücken und den Streifen an den Vorderbeinen mit einer Anzahl schottischer Robustrinder teilen, wird über das Jahr variiert. „Die Größe der Herden richtet sich nach dem Futterangebot im Winter“, so Antje Walter, „weil die Tiere möglichst auch in der vegetationsarmen Jahreszeit ihr Futter selbst finden sollen.“ Nur wenn die Schneedecke verharscht und über mehrere Tage liegt, wird Heu zugefüttert, erläutert die  Flächenmanagerin der Stiftung Naturschutz. Überzählige Pferde wurden bereits an andere Naturschutzprojekte abgegeben oder an private Halter – Koniks gelten auch als zuverlässige Reitpferde.

Für Antje Walter birgt das „Wilde Weiden“-Konzept drei wichtige Aspekte: Landschaftspflege, regionale Wirtschaftsförderung sowie Kräuterreichtum und Gräservielfalt als gesundheitsfördernde Futtergrundlage. Das Landschaftspflege-Konzept ist aufgegangen. „Die beiden Gebiete haben sich in eine phantastische Richtung entwickelt“, schwärmt die Dipolm-Ingenieurin. Der Artenreichtum sei deutlich gewachsen. Seltene Pflanzen, Vogelarten und Amphibien, die seit Jahren nicht mehr oder noch nie in der Region gesichtet wurden, haben sich angesiedelt. Fremde Arten, einst durch Menschenhand eingeführt, wurden dagegen zurückgedrängt. Von den hunderte Meter langen, fünf Meter breiten Kartoffelrosen-Hecken etwa, einst von der Bundeswehr entlang der Waldränder im Schäferhaus-Gebiet gepflanzt, sind nur noch arg verbissene Restbestände vorhanden. Manche Entwicklungen waren dabei nicht vorhersehbar, wie Gerd Kämmer, Geschäftsführer des Pächtervereins „Bunde Wischen“ in Schäferhaus, am Beispiel des Waldes demonstriert. Dass ausgerechnet die trockene Rinde von Nadelbäumen von den Koniks benagt wird, hätte niemand gedacht. „Auf diese Weise findet ein natürlicher Waldumbau statt“, erklärt Kämmer.

Gelassen bewerten die Betreuer der Projektgebiete das Vordringen einiger Pflanzenarten wie des Weißdornstrauchs und des gelb blühenden, giftigen Korbblütlers Jakobsgreiskraut. Beide Pflanzen provozieren durch ihr massenhaftes Auftreten die Zunahme ihrer Feinde. Raupen bestimmter Schmetterlingsarten fressen die Dornbüsche kahl, andere, wie der Blutbär, verhindern mit ihrem Befall die Blüte des Jakobsgreiskrauts. Dieses Kraut, das schon nach dem Verzehr geringer Mengen die Leber eines Pferdes oder eines Rindes tödlich schädigt, bildet trotz seines häufigen Vorkommens vor allem in Schäferhaus keine gesundheitliche Gefahr. Bislang könne noch kein Abgang und keine Erkrankung bei beiden Weidetierarten auf eine Vergiftung mit dem Kraut zurückgeführt werden, stellt Gerd Kämmer fest. „Die Tiere vermeiden giftige Pflanzen.

Überhaupt wirke sich die naturnahe Haltung aus tiermedizinischer Sicht ausgesprochen positiv, so die Betreuer der Projekte. Allerdings bedeutet „naturnah“ nicht, dass die Pferde völlig sich selbst überlassen bleiben - schon aus tierschutz- und tierseuchenrechtlichen Gründen. Das heißt, verendete Tiere dürfen nicht wie in der Wildnis den Aasfressern überlassen werden. Ebenso ist sichergestellt, dass bei schweren Verletzungen oder Krankheitssymptomen das betreffende Tier behandelt wird. Leichtere Verletzungen oder Lahmheiten werden zunächst nur beobachtet und nur bei Verschlimmerung wird eingegriffen. Auch etwa bei schweren Geburten. „Wir müssen immer abwägen, ob der Stress des Einfangens in Relation zu dem Behandlungsgewinn steht“, macht der Geschäftsführer von „Bunde Wischen“ die Problematik klar, die aber gerade wegen der halbwilden Haltung eher klein bleibt. So haben Hufpfleger anders als in der konventionellen Pferdehaltung bei den Koniks kaum etwas zu tun. Das Horn nutzt sich in der halbwilden Lebensweise genug ab und wird nur in Ausnahmefällen gekürzt. Gleiches gilt für Zahnbehandlungen – auch die sind aufgrund der Ernährungsweise mit harten Gräsern und Gehölzverbiss nicht notwendig. Entwurmt wird, wenn der Beweidungsdruck auf die Fläche zu groß wird oder bei auffälligen Symptomen. „Zivilisationskrankheiten“, die bei den domestiziert gehaltenen Pferden in den Reit- und Zuchtställen oder in privater Haltung häufig auftreten, wie vor allem Erkrankungen der Atemwege und der Gelenke und Wirbelsäule, sind bei den halbwilden Koniks kein Problem. Hufrehe, zum großen Teil Folge einer übermäßigen Aufnahme fruktanreicher Gräser, war nur in den ersten Jahren in der Geltinger Birk Thema. Vier Tiere erkrankten daran. „Es gab für die anfänglich noch wenigen Tiere zuviel einseitiges und nährstoffreiches Futter“, erklärt Antje Walter. Der heutige höhere Besatz, die größere Artenvielfalt des Bewuchses und nicht zuletzt das rege Sozialleben in den naturnah strukturierten Herden sorgen nun für eine der Gesundheit dienlichen Fütterungsgrundlage und Bewegung. Dazu gehört, den männlichen Nachwuchs nicht zu kastrieren. Wallache bewegen sich weitaus weniger als Hengste, fressen stetiger – fatal für ein Weidegebiet, in dem es zu bestimmten Zeiten auch zu einem Futterüberschuss kommen kann. Bewegungsmangel und viel Gras aber sind der Nährboden für zahlreiche „Zivilisationskrankheiten“. Verletzungen bei den Rangeleien der Junghengste sind dagegen in aller Regel nicht so heftig, dass sie behandelt werden müssen. Wichtig dabei ist, betonen die Betreuer, dass unterlegene Tiere auf dem weitläufigen Areal ausweichen können.

Nicht nur die Landschaftspfleger freuen sich über die Entwicklung der Projekte. Für Naturbeobachter ebenso wie für Anhänger der sanften Natursportarten Wandern, Nordic Walking, Langlauf, Reiten und Radfahren sind Schäferhaus und Geltinger Birk zu beliebten Ausflugszielen geworden. Und schließlich weckten die „Wilden Weiden“ Interesse beim Pferdesportverband Schleswig-Holstein und bei der Landwirtschaftskammer des Landes. Sie suchen mittlerweile Pferdehalter und -betriebe, die sich mit ihren - domestizierten - Pferden an dem jüngst gemeinsam gestarteten Projekt „Pferde als Landschaftspfleger in konventioneller Haltung“ beteiligen wollen. Denn die Quote der Abgänge und der Tiere, die aufgrund schwerer Verletzungen oder Erkrankungen getötet werden müssen, liegt im Projekt Schäferhaus ebenso wie in der Geltinger Birk weit unter zehn Prozent – und nimmt sich damit im Vergleich zu konventionellen Haltungsformen domestizierter Rassen gering aus. Das hat seinen Grund, ist sich Stiftungsmitarbeiterin Antje Walter sicher: Die beste „Apotheke“ ist die naturnahe Haltung mit kräuterreichem, nährstoffarmen Futter und viel natürlicher Bewegung.

Sylvia Träbing-Butzmann



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